Wenn die Heimat fremd wird

Veröffentlicht von HubertRomer am

Tom Oetter präsentiert mit seinem neuesten Werk eine spitzfindige, satirische und doch einfühlsame Geschichte über das Leben auf dem Land.
Ein Buchporträt und Autoreninterview (von Marita Sonnenberg)

Cover Spatzenrennen Vorder- und Rückseite

Zum Buch

Nach dem plötzlichen Tod seiner Frau, sieht sich Michl in seiner Trauer der Stille in einem leeren und viel zu großen Haus ausgesetzt. Ihr Tod reißt ein tiefes Loch in sein Leben.

Als ehemaliger Sparkassenangestellter, der in der Stadt gearbeitet hat, gilt er im Dorf als Sonderling und Außenseiter. In einem abgelegenen, vergessen Ort, in dem Missgunst und Streit herrschen. Die Männer sich mit Kartenspielen und Trinkgelagen beim Wirt Zur Fetten Trappe über die Ödnis hinweg betäuben. Und die Frauen sich in ihr Schicksal fügen. Der Priester, ein zynischer, vom Glauben abgefallener Trinker der Totengräber einer heuchlerischen Ordnung ist.

Bei einer nächtlichen Wirtshausrunde dreht man dem betrunkenen Michl das marode Sägewerk an, nichts ahnend, was in erwartet. Unter anderem, die strengen Auflagen des Gewerbeamtes. Während man im Dorf sein Scheitern mit diesem mysteriösen Projekt erwartet, bringt Michl die Säge nach anfänglichen Problemen zum Laufen und zieht dorthin um. Als ihn seine Jugendbekanntschaft, die Metzgerwitwe Elke, eines nachts dort besucht, beginnt eine heimliche Liebesbeziehung. Michls Leben scheint wieder im Lot.

Bis sein Enkel Mike bei ihm einzieht. Mike, 17, ist Scheidungskind, Schulabbrecher und lebt in einer von Drogen verzerrten digitalen Parallelwelt. In Michls Scheune entdeckt er ein altes Motorrad, dass er wieder fahrtüchtig macht. Mit seinem Ghost Rider erobert er sich ein Stück Freiheit zurück. Als er auf die Moped-Gang des Dorfes Hölls Ängels trifft, lässt er sich auf gefährliche Mutproben ein, die ihn immer wieder in Konflikte mit der Polizei bringen. Speziell Gurch, den Dorfpolizisten, auf den Plan rufen. Dessen unangemessen hartes Vorgehen gegenüber Mike ist ein Rachefeldzug an Michl für Vorkommnisse aus der Vergangenheit. Die alte Feindschaft zwischen den beiden bricht wieder auf. Als Gurch als letzte Maßnahme das Gewerbeamt einschaltet, droht die Schließung des Sägewerks.

Bei einer Betriebsbesichtigung des Gewerbeamtes im Sägewerk gerät der unerfahrene Beamtenanwärter durch ein Missgeschick Michls unter einen herunterfallenden Bretterstapel. Gurch, der auf einen derartigen Zwischenfall gewartet hat, zieht die Ermittlungen eigenmächtig an sich. Michl erstattet Anzeige gegen das Vorgehen des Gewerbeamts und gegen Gurch. Über Social-Media-Kanäle mobilisiert Mike die Öffentlichkeit gegen die Schließung der Säge. Infolgedessen wird Gurch wegen Kompetenz­überschreitung vom Dienst suspendiert und die Betriebsüberprüfung des Sägewerks zurückgestellt.

Nachdem Gurchs Frau aufgrund der ständigen Auseinandersetzungen zu ihren Eltern zieht, verkommt Gurch zum einsamen Trinker, der zum Gespött der anderen in schmutziger Uniform durchs Dorf streunt. Ohne Polizeidienst verliert er den Sinn in seinem Leben. Betrunken und mit Schnaps übergossen, zündet er sich an und stürmt als Fackel in das Sägewerk, in dem Michl schläft.

Mike rettet Michl aus den Flammen, während das Dorf tatenlos zusieht, wie das Sägewerk niederbrennt. Angesichts dieses Desasters und dem Verlust der Säge beschließt Michl, mit Rücksprache und dem Segen seiner verstorbenen Frau, das Dorf in Richtung Sizilien zu verlassen. Am Ortsausgang wartet überraschenderweise Elke, um mit Michl und Mike aus dem Dorf zu flüchten.

Zusammen mit Elke folgt Michl in seinem alten Unimog einem geheimnisvollen, alten Reiseführer durch Italien, den Elke aus den Flammen gerettet hat. Unterwegs erfährt Michl in einem Zeitungsbericht, dass Gurch im Sägewerk verbrannt sei und Michl eine hohe Versicherungssumme zustehe. Mike ist da längst schon gemeinsam mit seinem Vater auf dem Weg zur Gamescom nach Köln. Auf Einladung des größten Spieleentwickler Deutschlands. Wie Mike stolz und selbstbewusst berichtet.

Der Autor:

Thomas Oetter, 1966 in Franken geboren, leistete nach seinem Abitur seinen Zivildienst als Rettungssanitäter. Nach zahlreichen und sehr unterschiedlichen Gelegenheitsarbeiten als Dachrinnenbieger, Landschaftsgärtner und Kurierdienstfahrer absolvierte er ein Slawistik-Studium in Mainz. Verbrachte längere Zeit in Russland. Heute lebt und arbeitet er in Leipzig.

Interview Tom Oetter

Herr Oetter, ‘Spatzenrennen – kein Heimatroman‘ aus Franken ist ein ungewöhnlicher Titel. Wieviel Augenzwinkern steckt in diesem Untertitel? Oder anders, wieviel Ernsthaftigkeit?

Der Titel Spatzenrennen lässt keine Rückschlüsse zur Handlung zu. Daher der Untertitel als Hinweis für Leser, denn tatsächlich spielen Spatzen im Roman nur eine Nebenrolle. Mit Heimat kommt das Land, das Dorf ins Spiel, aber eben nicht so, wie man es in einem Heimatroman vermuten würde. Das K vor dem ein lässt Spannung und Humor erwarten.

Sie leben seit langem in Leipzig, haben in Mainz studiert und einige Jahre in Russland verbracht. Was hat Sie bewogen, sich mit diesem Roman doch wieder Ihrer Heimat zu nähern?

Tatsächlich war ich dabei einen Roman zu schreiben, der zwischen Deutschland und Russland spielt. Dann haben mir aber Putins Krieg und der Tod meiner Mutter einen Strich durch die Rechnung gemacht. Plötzlich war die Heimat wieder nah, die Gedanken bei meinem Vater, der allein im Dorf zurückblieb. Viele Erinnerungen kamen über mich, Erlebnisse aus dem Dorf, wo ich aufgewachsen bin. Der Gedanke, was passiert nun, war so intensiv, dass ich sofort anfing zu schreiben.

Wie wichtig war die räumliche Distanz bis nach Russland hinein, um einen derart detaillierten und berührenden Einblick in das Dorfleben schildern zu können?

Abitur und Studium machen einsam im Dorf, schnell wird man zum Außenseiter und Beobachter. Aus der Ferne entsteht eine andere Perspektive. Komik und Tragik der Romanfiguren gewinnen erst an Tiefe durch den Abstand.

Zu Michl, dem Protagonisten in Ihrem Buch, zieht sein Enkel Mike, der als schwierig gilt, die Schule abgebrochen hat und seine Ausbildung geschmissen? Gibt es zwischen den beiden Einzelgängern noch mehr Gemeinsamkeiten als die sicherlich gewollte Ähnlichkeit der Namen?

Beide reiben sich an ihrer Umgebung. Und beide haben ein Vaterproblem. Der eine hatte kriegsbedingt keinen Vater und macht Schluss mit dem Gespenst im Schrank. Der andere hat wegen der Scheidung ein gestörtes Verhältnis zu seinem Vater. Durch die Nähe zum Großvater und die Erlebnisse im Dorf wagt Mike einen Neuanfang mit seinem Vater.

Immer wieder tauchen in ‘Spatzenrennen‘ Traumsequenzen auf, die Sie überraschenderweise als solche sehr spät auflösen. Und erst im Nachhinein als fiktiv zu erkennen sind. Warum diese Form?

Im Traum gelten andere Regeln, die Kontrolle durch den Verstand wird ausgehebelt, Realität und Fantasie vermischen sich, Unbewusstes kommt zutage. Das gibt dem Autor die Möglichkeit, versteckte Wahrheiten und Wünschen zu den Protagonisten offenzulegen. Aber es ist auch das Spiel mit der Aufmerksamkeit des Lesers, wo es mir Spaß beim Schreiben macht, diesen im Unklaren zu lassen oder auf die falsche Fährte zu führen.

In seiner Verzweiflung und Bedürftigkeit lässt sich Michl, der konservative, ungläubige Stadtsparkassenangestellte, immer wieder bereitwillig auf übersinnliche Begegnungen und Zeichen ein. Wie wichtig ist dieser spirituelle Blick von außen für den Verlauf der Geschichte?

Der Kontakt mit seiner toten Frau als Stern und die Figur des Krähenmanns befreit Michl aus seiner verzweifelten Lage, wo die traditionelle Institution Kirche versagt. Ohne die Begegnungen und Fragen des Krähenmanns hätte Michl nicht die Kraft und Mut gehabt auszubrechen.

Die Charaktere in Ihrem Buch sind sehr komplex. Haben ein ambivalentes Gefühlsleben. Es gibt nicht das uneingeschränkt Böse und das eindeutig Gute. Als Leser ist man geneigt, für alle Seiten Verständnis aufzubringen. Was ist die Botschaft?

Es gibt kein Schwarzweis, keine totalen Bösewichte, auch nicht in meinem Roman. Am Ende sind es geknickte, tragisch-komische Figuren. Der Gurch ist hierfür ein Paradebeispiel, wo die Rache zur eigenen Tragödie wird.

Als Kategorie von ‘Spatzenrennen‘ geben Sie Heimatroman und Sitcom an. Wie schwer war es, diesen vermeintlich gegensächlichen Spannungsbogen zu halten?

Das Genre Heimatroman adressiert die Sehnsucht nach einem vermeintlich einfachen und glücklichen Leben. In Spatzenrennen sind die traditionellen Strukturen der Dorfgemeinschaft auf Du ausgehöhlt, verdreht bis zynisch. Der Humor als Stilmittel hilft das bloßzustellen, ohne dabei den Einzelnen zu verurteilen

Ihr Roman beginnt mit einer tiefen Trauer und endet in einem fluchtartigen Abenteuer, das Michl nach Sizilien zieht und Mike nach Köln zur Gamescom. Hatten Sie diesen Überraschungs-Coup von Beginn an geplant?

Konzeptionell war von Anfang an klar, dass die beiden Protagonisten keinen Platz im Dorf haben, ein traditionelles Happy End war ebenfalls ausgeschlossenen. Die zu Beginn von autobiographischen Ereignissen geprägte Handlung wurde mit der Zeit immer stärker vom fiktionalen Element abgelöst. Viele Ideen sind erst beim Schreiben entstanden. Charaktere sind aufgelebt und haben die Handlung vorangetrieben.

Herr Oetter, vielen Dank für Ihre Antworten und Ihre Zeit.

Titel: Spatzenrennen – kein Heimatroman aus Franken

Autor: Thomas Oetter
Genre: Roman/ Belletristik
Umfang:  268 Seiten
Erscheinungstermin: 31.12.25
ISBN: Softcover: 978-3-949768-56-9
Maße: 13,5 x 21,5 cm
Preis Softcover: 16,50 EUR
Preis: epub: 4,99 EUR


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