Wenn die Heimat fremd wird
Tom Oetter präsentiert mit seinem neuesten Werk eine spitzfindige, satirische und doch einfühlsame Geschichte über das Leben auf dem Land.
Ein Buchporträt und Autoreninterview (von Marita Sonnenberg)

Mit Spatzenrennen – kein Heimatroman aus Franken veröffentlicht Thomas Oetter seinen ersten Roman bei Sparkys Edition. Thomas Oetter versteht es in empathischer Weise und einem spannungsvollen Wechsel von leisen und lauten Tönen das Gefühlsleben all seiner Protagonisten auf das Genaueste zu beschreiben. Zwischen Sympathie und Antipathie zu wechseln. Und so eine unmittelbare Nähe zu Michl, zu Mike, den trinkenden Männern, den trauernden Witwen und dem vom Glauben abgefallenen zynischen Priester zu schaffen. Selbst zu Gurch, dem einfältigen und geltungssüchtigen Dorfpolizisten.
‘Spatzenrennen‘ spielt zwar in Franken, könnte jedoch in jeder anderen beliebigen abgelegenen Region beheimatet sein. Daher auch der Untertitel ‘Kein Heimatroman aus Franken‘ mit einem leichten Augenzwinkern. Es ist die Geschichte eines Dorfes und seiner Menschen in einer alles überschattenden Trostlosigkeit, Verbitterung und Resignation. Einem Dorf und seinen Menschen, die vergessen wurden, ohne dass sie selbst vergessen können. (Thomas Oetter)
Zum Buch
Nach dem plötzlichen Tod seiner Frau, sieht sich Michl in seiner Trauer der Stille in einem leeren und viel zu großen Haus ausgesetzt. Ihr Tod reißt ein tiefes Loch in sein Leben.
Als Michl in einer durchzechten Nacht das marode Sägewerk vom Habicht Heiner für einen Euro kauft, darf er nicht viel erwarten – außer Ärger.
Als dann noch Mike, sein missratener Enkel aus der Stadt, auftaucht und mit den Mopedrockern illegale Mutproben ablegt, weckt das den Argwohn im Dorf und das betrunkene Auge des Gesetzes von Gurch, dem Dorfpolizist. Der hat noch eine alte Rechnung offen mit Michl. Die Dinge geraten außer Kontrolle, als im Sägewerk ein Unfall geschieht.
Am Ende reibt sich Michl die Augen, als sich Elke, die Wurstverkäuferin an ihn schmiegt, und im Rückspiegel des Unimog der feuerrote Himmel über dem Dorf verschwindet, denn eigentlich hat er nach dem Tod seiner Frau nicht mehr viel vom Leben erwartet.
Der Autor:

Thomas Oetter, 1966 in Franken geboren, leistete nach seinem Abitur seinen Zivildienst als Rettungssanitäter. Nach zahlreichen und sehr unterschiedlichen Gelegenheitsarbeiten als Dachrinnenbieger, Landschaftsgärtner und Kurierdienstfahrer absolvierte er ein Slawistik-Studium in Mainz. Verbrachte längere Zeit in Russland. Heute lebt und arbeitet er in Leipzig.
Interview Tom Oetter
Herr Oetter, ‘Spatzenrennen – kein Heimatroman‘ aus Franken ist ein ungewöhnlicher Titel. Wieviel Augenzwinkern steckt in diesem Untertitel? Oder anders, wieviel Ernsthaftigkeit?
Der Titel Spatzenrennen lässt keine Rückschlüsse zur Handlung zu. Daher der Untertitel als Hinweis für Leser, denn tatsächlich spielen Spatzen im Roman nur eine Nebenrolle. Mit Heimat kommt das Land, das Dorf ins Spiel, aber eben nicht so, wie man es in einem Heimatroman vermuten würde. Das K vor dem ein lässt Spannung und Humor erwarten.
Sie leben seit langem in Leipzig, haben in Mainz studiert und einige Jahre in Russland verbracht. Was hat Sie bewogen, sich mit diesem Roman doch wieder Ihrer Heimat zu nähern?
Tatsächlich war ich dabei einen Roman zu schreiben, der zwischen Deutschland und Russland spielt. Dann haben mir aber Putins Krieg und der Tod meiner Mutter einen Strich durch die Rechnung gemacht. Plötzlich war die Heimat wieder nah, die Gedanken bei meinem Vater, der allein im Dorf zurückblieb. Viele Erinnerungen kamen über mich, Erlebnisse aus dem Dorf, wo ich aufgewachsen bin. Der Gedanke, was passiert nun, war so intensiv, dass ich sofort anfing zu schreiben.
Wie wichtig war die räumliche Distanz bis nach Russland hinein, um einen derart detaillierten und berührenden Einblick in das Dorfleben schildern zu können?
Abitur und Studium machen einsam im Dorf, schnell wird man zum Außenseiter und Beobachter. Aus der Ferne entsteht eine andere Perspektive. Komik und Tragik der Romanfiguren gewinnen erst an Tiefe durch den Abstand.
Zu Michl, dem Protagonisten in Ihrem Buch, zieht sein Enkel Mike, der als schwierig gilt, die Schule abgebrochen hat und seine Ausbildung geschmissen? Gibt es zwischen den beiden Einzelgängern noch mehr Gemeinsamkeiten als die sicherlich gewollte Ähnlichkeit der Namen?
Beide reiben sich an ihrer Umgebung. Und beide haben ein Vaterproblem. Der eine hatte kriegsbedingt keinen Vater und macht Schluss mit dem Gespenst im Schrank. Der andere hat wegen der Scheidung ein gestörtes Verhältnis zu seinem Vater. Durch die Nähe zum Großvater und die Erlebnisse im Dorf wagt Mike einen Neuanfang mit seinem Vater.
Immer wieder tauchen in ‘Spatzenrennen‘ Traumsequenzen auf, die Sie überraschenderweise als solche sehr spät auflösen. Und erst im Nachhinein als fiktiv zu erkennen sind. Warum diese Form?
Im Traum gelten andere Regeln, die Kontrolle durch den Verstand wird ausgehebelt, Realität und Fantasie vermischen sich, Unbewusstes kommt zutage. Das gibt dem Autor die Möglichkeit, versteckte Wahrheiten und Wünschen zu den Protagonisten offenzulegen. Aber es ist auch das Spiel mit der Aufmerksamkeit des Lesers, wo es mir Spaß beim Schreiben macht, diesen im Unklaren zu lassen oder auf die falsche Fährte zu führen.
In seiner Verzweiflung und Bedürftigkeit lässt sich Michl, der konservative, ungläubige Stadtsparkassenangestellte, immer wieder bereitwillig auf übersinnliche Begegnungen und Zeichen ein. Wie wichtig ist dieser spirituelle Blick von außen für den Verlauf der Geschichte?
Der Kontakt mit seiner toten Frau als Stern und die Figur des Krähenmanns befreit Michl aus seiner verzweifelten Lage, wo die traditionelle Institution Kirche versagt. Ohne die Begegnungen und Fragen des Krähenmanns hätte Michl nicht die Kraft und Mut gehabt auszubrechen.
Die Charaktere in Ihrem Buch sind sehr komplex. Haben ein ambivalentes Gefühlsleben. Es gibt nicht das uneingeschränkt Böse und das eindeutig Gute. Als Leser ist man geneigt, für alle Seiten Verständnis aufzubringen. Was ist die Botschaft?
Es gibt kein Schwarzweis, keine totalen Bösewichte, auch nicht in meinem Roman. Am Ende sind es geknickte, tragisch-komische Figuren. Der Gurch ist hierfür ein Paradebeispiel, wo die Rache zur eigenen Tragödie wird.
Als Kategorie von ‘Spatzenrennen‘ geben Sie Heimatroman und Sitcom an. Wie schwer war es, diesen vermeintlich gegensächlichen Spannungsbogen zu halten?
Das Genre Heimatroman adressiert die Sehnsucht nach einem vermeintlich einfachen und glücklichen Leben. In Spatzenrennen sind die traditionellen Strukturen der Dorfgemeinschaft auf Du ausgehöhlt, verdreht bis zynisch. Der Humor als Stilmittel hilft das bloßzustellen, ohne dabei den Einzelnen zu verurteilen
Ihr Roman beginnt mit einer tiefen Trauer und endet in einem fluchtartigen Abenteuer, das Michl nach Sizilien zieht und Mike nach Köln zur Gamescom. Hatten Sie diesen Überraschungs-Coup von Beginn an geplant?
Konzeptionell war von Anfang an klar, dass die beiden Protagonisten keinen Platz im Dorf haben, ein traditionelles Happy End war ebenfalls ausgeschlossenen. Die zu Beginn von autobiographischen Ereignissen geprägte Handlung wurde mit der Zeit immer stärker vom fiktionalen Element abgelöst. Viele Ideen sind erst beim Schreiben entstanden. Charaktere sind aufgelebt und haben die Handlung vorangetrieben.
Herr Oetter, vielen Dank für Ihre Antworten und Ihre Zeit.
Titel: Spatzenrennen – kein Heimatroman aus Franken
Autor: Thomas Oetter
Genre: Roman/ Belletristik
Umfang: 268 Seiten
Erscheinungstermin: 31.12.25
ISBN: Softcover: 978-3-949768-56-9
Maße: 13,5 x 21,5 cm
Preis Softcover: 16,50 EUR
Preis: epub: 4,99 EUR
8 Kommentare
Mi Gl · Januar 30, 2026 um 8:14
Da wird – ohne Vorwarnumg – der komplette Inhalt gespoilered. Wernsoll denn das Buch dann noch kaufen?
HubertRomer · Januar 30, 2026 um 20:50
Guter Hinweis. Schauen wir gerne nochmals nach.
Das Buch ist aber inhaltlich so verdichtet und voller Bilder und Erzählstränge, dass nicht wirklich gespoilert wird.
Wenn die Heimat fremd wird - Neues von Sparkys Edition - artikelwiese.de · Januar 8, 2026 um 14:14
[…] Ein Buchporträt und Autoreninterview (von Marita Sonnenberg) abzurufen unter https://sparkys-edition.de/wenn-die-heimat-fremd-wird […]
Wenn die Heimat fremd wird – Neues von Sparkys Edition – Schlaunews – Aktuelle Nachrichten · Januar 8, 2026 um 14:17
[…] Ein Buchporträt und Autoreninterview (von Marita Sonnenberg) abzurufen unter https://sparkys-edition.de/wenn-die-heimat-fremd-wird […]
Wenn die Heimat fremd wird – Neues von Sparkys Edition – news-nachrichten.de · Januar 8, 2026 um 14:18
[…] Ein Buchporträt und Autoreninterview (von Marita Sonnenberg) abzurufen unter https://sparkys-edition.de/wenn-die-heimat-fremd-wird […]
Wenn die Heimat fremd wird - Neues von Sparkys Edition · Januar 8, 2026 um 14:19
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Wenn die Heimat fremd wird - Neues von Sparkys Edition vom 08/01/2026 in Freizeit, Buntes und Vermischtes · Januar 8, 2026 um 14:20
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Wenn die Heimat fremd wird - Neues von Sparkys Edition - firmenPR.de · Januar 9, 2026 um 18:43
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